· 

Märztage anno dazumal

 

28. März 1946
Neuofen im Böhmerwald


Unser Opa Otto ist im 16. Lebensjahr und Bäckerlehrling bei seinem Vater Johann, wie auch seine älteren Brüder Oswald und Walter vor ihm.


Oswald ist 22 und bereits aus dem Krieg heimgekehrt in die Hegermühle.
Ungewiss ist der Verbleib von Walter, 21 Jahre und noch in Kriegsgefangenschaft.
Die 19jährige Schwester Anna ist eine große Stütze für die Mutter Aloisia.
Nesthäkchen Gertrude wurde 1944 geboren.
Vater Johann ist 64, Mutter Aloisia 43 Jahre alt. 

Seit mehreren Tagen bzw. Wochen plant die Familie ihre Flucht über den Reischlberg.


Die Gegend und die Leute „drent“, auf der anderen Seite des Böhmerwaldes im Mühlviertel, kennen die Eggingers von ihren Brotauslieferungen.


Vater Johann hat über Vermittlung seines Gesellen Beni ein Haus in Pfaffetschlag als vorübergehendes Obdach gepachtet. Dort wollen sie bleiben, bis eine Lösung für die politischen Konflikte in ihrer Heimat gefunden ist und sie wieder zurück auf ihren Hof mit Mühle und Bäckerei können.

 

Daran, dass das ganze Dorf, die Bevölkerung im gesamten Landstrich entlang der Grenze vertrieben werden soll, wollen sie nicht glauben.

„Spätestens in zwei Jahren sind wir wieder zurück“, meint Vater Johann.


In den kalten Nächten vor diesem 28. März 1946, haben sie bereits einige Schlitten voll Hausrat über die Grenze gebracht, nach Holzschlag zum Öller (heute Gasthaus zum Überleben).

 

Die Flucht planen sie für das kommende Wochenende – von Samstag auf Sonntag. Am Sonntag ist die Gefahr, schnell verraten zu werden, am geringsten, da niemand zum Brotholen kommen wird.


An diesem Donnerstag gehen sie ihren gewohnten Tätigkeiten nach. Anna versorgt ihre kleine Schwester, füttert das Vieh und kocht das Mittagessen. Mutter Aloisia und Otto (Opa) arbeiten in der Bäckerei und fahren das Brot aus. Die Nachbarin, Frau Essl, kommt, weil ihre Schwiegertochter eine Hebamme braucht.
Hier nun ein Ausschnitt aus dem Bericht von Anna über diese Tage, erzählt im Jahr 2004, aufgeschrieben von ihrer Schwester Gertrude:

Und weiter:

Anna beschreibt die Situation an diesem Abend:

Auf einem schmalen Waldweg, nur einen halben Meter breit, bei einer Schneehöhe von bis zu einem dreiviertel Meter, schmuggeln sie mit Ziehschlitten Lebensmittel und Hausrat, darunter auch den Bauerntisch und einen Schubladkasten, welche sie stehend am Schlitten festbinden.

Um Mitternacht ist alles über die Grenze gebracht, auch dank einiger Helfer aus der Nachbarschaft.

Dort oben, auf dem Gipfel des Reischlbergs, liegt neben dem Weg auf einem Schneehaufen ihr Hab und Gut. Zum Öller in Holzschlag ist es noch eine halbe Stunde Fußweg.

 

Die letzten Helfer haben Anna ausgerichtet, dass sie bei den Habseligkeiten Wache halten soll, bis der Vater kommt. Er hatte kurzfristig beschlossen, Oswald und Otto mit dem Vieh wieder zurückzuschicken, weil sie so eingesunken waren.

Außerdem sollten sie Brot backen, um von der Flucht abzulenken.

 

Und so wartet Anna in Kälte und Dunkelheit.

Rückblickend beschreibt sie das so:

Anna geht noch einmal den Weg zurück zum Elternhaus, wo Oswald und Otto schon mit dem Backen angefangen haben.

Sie packen ein paar weitere Sachen auf den Schlitten, dann gehen sie ein letztes Mal in dieser Nacht über die Grenze.

Aus Annas Rucksack steckt die dreifärbige Hofkatze „Rammel“ ihren Kopf.

Sie wärmt. 

In der nächsten frostigen Nacht schickt der Vater die Söhne Oswald und Otto noch einmal heim, um die Tiere zu holen.

2 Pferde, 3 Kühe und 1 Lamm bringen sie nach Holzschlag.

Die Hegermühle brennt wenige Wochen nach der Flucht der Familie Egginger ab.

 

Für 2,5 Millionen Heimatvertriebene, unter ihnen auch unsere Vorfahrinnen und Vorfahren, erfüllt sich aufgrund der politischen Entwicklungen der Nachkriegsjahre die Hoffnung auf eine Heimkehr nicht.

 

„Der Böhmerwald wurde mit eisernem Besen ausgekehrt“, so beschreibt es Alois Sonnleitner 1983 in seinem Buch „Der Böhmerwald“.

 

Für die Familie Egginger ist das Haus in Pfaffetschlag tatsächlich nur eine vorübergehende Bleibe.

Anfang der 1950er Jahre wird ein Hof in Seitelschlag das neue Daheim.

 

Opa Otto kehrt im Oktober 1987 an seinem 57. Geburtstag und 41 Jahre nach der Flucht, bereits schwer gezeichnet von seiner Krankheit, das einzige und letzte Mal an den Ort seiner Kindheit zurück.

 

Der 28. März 1988 ist sein Sterbetag.

 

Die Samtene Revolution und den Fall des Eisernen Vorhangs kann er nicht mehr erleben. 

Die Familie Egginger 1953, 
anlässlich der Hochzeit von Oswald

 

vorne von links: Gertrude, Mutter Aloisia, Vater Johann;
hinten von links: Otto, Anna, Oswald, Walter;

Kommentar schreiben

Kommentare: 0